Im Herzen des Anti-Atlas – Eine Reise zwischen Jbel Siroua, Tafraoute und den Canyons des Südens

Es gibt Reisen, die man plant. Und es gibt Reisen, die einen formen. Der Anti-Atlas gehört zur zweiten Kategorie. Sieben Tage in einem der ältesten Gebirge der Erde — zwischen erkalteten Vulkanen, rosafarbenen Granitfelsen und stillen Berberdörfern, deren Namen auf keiner Touristenkarte stehen. Wer hierher kommt, kommt nicht trotz der Abgelegenheit. Sondern ihretwegen.

Dieser Bericht ist kein Reiseführer. Hier sind keine Geheimtipps oder touristische Orte beschrieben. Er ist ein Versuch, das Gesehene festzuhalten.

Du Interessiert dich für eine Reise nach Marokko? Ende des Jahres bieten wir eine Wander-Reise hier in den Anti-Atlas an. Alterantiv fragen nach unsere Self-Guided Optionen. Wir planen dir deine Reise, du erlebst alles frei. Nun weiter im Text.

Wasser, die Quelle des Lebens. Hier im Anti-Atlas ist frisches Quellwasser ein rares Gut.

Ankunft im Süden – Kulturschock und Gastfreundschaft

Agadir empfängt mit Palmen und Küstenluft. Doch schon eine Stunde später, wenn wir die Küstenebene verlassen und in die Arganeraie vorarbeiten, spürt man: Das eigentliche Marokko beginnt hier. Die Arganbäume säumen die Hänge wie knorrige Wächter — mit verdrehten Stämmen und einer Ausdauer, die Jahrhunderte überdauert. Durch ihre Kronen hindurch schimmert das erste Gestein, das hier nicht Fels, sondern Geschichte ist.


Über den Autor
Hey! Ich bin Marius, Gründer von Mountain Moments und Bergliebhaber aus Leidenschaft! Lerne das Mountain Moments Team kennen und lies unsere Tipps, Tricks und Foto-Abenteuergeschichten im Blog.


In Tiznit, der ersten größeren Stadt des Südens, legen wir eine kurze Pause ein. Der Souk riecht nach frischem Brot, gerösteten Nüssen und Gewürzen, die ich nicht benennen kann. Eine alte Frau in blauem Gewand bietet Arganöl an — kalt gepresst, von ihrer Kooperative. Sie spricht kein Wort Deutsch, ich kein Wort Tamazight. Mir ist eher nach typischer Wandernahrung. Brot, Brotaufstrich, Früchte, Nüsse. Die Kalorien für die kommenden Wanderungen sind gesichert, das Arganöl muss warten.

Ausblicke in Marokkos Anti-Atlas. Abenteurer werden mit kompletter Einsamkeit belohnt.

Wir übernachten in einem typischen Gite d’Etape – einer lokalen Unterkunft. Ein Lehmbau, einfache Zimmer, Dusche mit teilweise warmem Wasser, unübertroffene Herzlichkeit der Gastfamilie. Wir teilen lokale Köstlichkeiten und unsere mitgebrachte Schokolade. Gastfreundschaft ist überall in Marokko Teil der Kultur, ein Schwätzchen über dies und jenes im Kreis der Familie ist Pflichtprogramm.

Der Jbel Siroua — Ein Vulkan, der schläft

Der Gipfelaufbau am Jbel Sirou mit dem Atlas-Gebirge am Horizont.

Über 3.300 Meter erhebt sich der Jbel Siroua über das umliegende Hochplateau — ein erloschener Vulkan am östlichen Rand des Anti-Atlas, der kaum bekannt ist und gerade deshalb so unvergesslich bleibt. Die Landschaft um seinen Fuß ist monumental: Lavafelder, die wie erstarrte Wellen wirken, Hochebenen in leuchtendem Rotbraun, und immer wieder jene absolute Stille, die man in Mitteleuropa kaum noch kennt.

Wir gehen stundenlang geradeaus. Keine Wegmarkierung. Nach etwa 3 Stunden an einer Abzweigung verliert sich der Weg und wir folgen dem Bachlauf und dem ein oder anderen Bergrücken. „Logisch bergauf dem Gelände“ nennen dies Alpinisten. Menschen begegnen wir erst wieder bei unserer Rückkehr spät abends im Bergdorf. Die 14 Stunden Marschzeit dazwischen hören wir nur den eigenen Atem, das Knirschen des Bodens unter den Wanderschuhen und den ein oder anderen leicht verzweifelten Seufzer. 22 Kilometer direkte Wegstrecke hören sich auf dem Papier kürzer an, als man sie vor Ort wahrnimmt.

Der vulkanische Ursprung der Landschaft ist spürbar.

Der Aufstieg auf den Siroua ist kein technisches Unterfangen — aber ein ernsthaftes. Die Luft ist dünn, der Untergrund wechselt ständig: mal festes Basaltgestein, mal loses Lavageröll.

Oben, auf dem Gipfelplateau, öffnet sich ein Panorama, das den Atem stocken lässt: Im Norden der Hohe Atlas mit seinen beschneiten Gipfeln, im Süden der Übergang zur Sahara.

Tafraoute — Rosa Felsen und stille Gassen

Der Hut des Napoleon ist ein beliebtes Fotomotiv. Fotomotive mit unmittelbaren Pkw-Zugang sind weltweit beliebt.

Tafraoute liegt in einem Talkessel, der von Granitfelsen umgeben ist, die in der Abendsonne ein unwirkliches Rosa leuchten. Die kleine Stadt ist das Herz der Ameln-Region — bekannt für ihre Mandelblüten im Februar, für Silberschmuck und für eine entspannte Lebensweise, die auch den Reisenden erfasst.

Die Felsformationen rund um Tafraoute tragen Namen, die ihre Formen beschreiben: Chapeau de Napoléon, die Lioness, Tête de Chameau. Ob diese Namensgebung von Einheimischen oder frühen Entdeckungsreisenden stammt, lässt sich kaum mehr sagen. Was bleibt, ist das Staunen vor dem Stein selbst — Granite, die seit Hunderten von Millionen Jahren von Wind und Wasser geformt wurden, bis sie aussehen, als hätte eine spielerische Hand sie dort hingestellt.

Die „bunten Steine“ in Tafraout – ein belgischer Künstler hat sie in den 80er Jahren bemalt. Heute sind sie ein Touristenmagnet.

Ein Ausflug führt uns zu den bemalten Felsen von Bouge: In den 1980er-Jahren hatte der belgische Künstler Jean Vérame mehrere Felsbrocken in kräftigen Farben bemalt — Blau, Rot, Violett. Umstritten, provozierend, und doch: inzwischen Teil dieser Landschaft geworden, wie eine seltsame, friedliche Koexistenz zwischen Kunst und Natur.

Die Canyons — Landschaft wie ein Gedicht

Einsame abententeuerliche Canyontouren

Östlich von Tafraoute beginnt ein Labyrinth aus Schluchten und Canyons, das selbst erfahrenen Wanderern den Atem verschlägt. Das Ameln-Tal mit seinen Palmenoasen und weißgetünchten Dörfern ist nur der Auftakt. Dahinter öffnen sich Canyons, in die kaum Licht fällt — enge Passagen aus Schiefer und Sandstein, durch die ein Flüsschen schlängelt, das im Sommer zu einem Rinnsal wird und im Winter zu einem reißenden Strom.

Wir wandern durch den Canyon von Aït Mansour, einem der eindrucksvollsten Täler der Region. Die Wände steigen senkrecht auf, wechseln die Farbe von Dunkelrot über Ocker bis ins fast Schwarze. Datteln wachsen hier, Granatäpfel, Feigen — in einer Üppigkeit, die man in dieser kargen Umgebung nicht erwartet. Es ist das alte Prinzip der Wüstenoase: Wo Wasser ist, ist Leben. Und Leben ist hier präzise und unverschwendet.

In diesen Canyons versteht man, warum die Amazigh hier seit Jahrtausenden siedeln. Nicht trotz der Enge — sondern wegen des Schutzes, den sie bietet.

An einem Nachmittag treffen wir auf eine Gruppe von Frauen, die Wolle für Teppiche spinnen. Wir versuchen uns daran, es nachzumachen. Gut, dass es bei dem Versuch bleiben kann.

Leben bei den Amazigh — Gastfreundschaft ohne Kalkül

Die Übernachtungen in kleinen Gîtes d’Etape sind unvergesslich — nicht wegen des Komforts, sondern wegen der Menschen. Mohammed, unser Gastgeber in einem Dorf nahe Tafraoute, führt seine Pension seit zwanzig Jahren. Man gemeinsam beim Essen: Tajine mit Gemüse und Lamm, Fladenbrot direkt aus dem Lehmofen, Datteln und Mandeln aus dem eigenen Garten. Der Minztee kommt immer. Mehrfach.

Die Amazigh — deren Name ‚die freien Menschen‘ bedeutet — haben eine Kultur bewahrt, die älter ist als der Islam, älter als die arabische Präsenz in Nordafrika. Ihre Schrift, das Tifinagh, findet sich auf Stoffen, Schmuck und Hauswänden. Ihre Musik — monoton, hypnotisch, weit entfernt von dem, was wir in Europa als ‚arabische Musik‘ kennen — klingt nach Nächten, die man draußen unter Sternen verbringt.

Was bleibt, ist ein Gefühl von Proportionalität. Diese Menschen besitzen wenig im materiellen Sinne. Aber sie besitzen Zeit, Würde und eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Fremden, die uns nachdenklich macht.

Zurück — und doch nicht ganz

Ein Abend im touristischen Zentrum in Marrakech rundet die Reise ab. Im Gepäck habe ich einen Teppich, gewebt von einer kleinen Kooperative aus einem Bergdorf – Ich frage mich heute noch, wie das Leihfahrzeug diesen Bergweg überlebt hat – ein kleines Tuch, gewebt von einer Frau, deren Namen ich nicht kenne. Ein Stein vom Jbel Siroua und Bilder, die noch Wochen lang ohne Vorwarnung auftauchen – beim Frühstück, in der S-Bahn, kurz vor dem Einschlafen.

Gastfreundschaft ist in Marokko ein hohes Gut. Die Gipfeltajine mit den Einheimischen wurde natürlich geteilt.

Der Anti-Atlas ist keine Reise für alle. Er ist eine Reise für Menschen, die bereit sind, langsamer zu werden. Die den Mangel an touristischer Infrsastruktur nicht als Problem, sondern Möglichkeit wahrnehmen. Eine Reise für die, die wissen, dass das Beste an einer Reise nicht das ist, was man gesehen oder käuflich erworben hat.

Diese Reise ist buchbar als einwöchige Wander- und Abenteuerreise im Anti-Atlas – mit Guide oder als digitales Reisepaket zum selber erkunden. Für Informationen und persönliche Beratung nutze bitte das Kontaktformular auf der Reiseseite.

Bildergalerie

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar